Rezension: Sabine Eichhorst – Die Liebe meines Vaters

Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters; Droemer-Knaur; TB; 368 S.; €9,99
Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters; Droemer-Knaur; TB; 368 S.; €9,99

Inhalt:

Der junge, angehende Lehrer Loris Schorb reist 1930 nach Budapest, um Urlaub zu machen. Schnell verfällt er nicht nur der Stadt, sondern auch ihren Menschen. Besonders Éva hat es ihm angetan. Er kehrt in jeden Ferien zurück, in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr.

Am Vorabend des 2. Weltkrieges treffen wir ihn wieder. Loris ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Doch die Ehe steht nicht unter einem guten Stern, Loris wird einberufen und bekommt selten Fronturlaub. Der Krieg verändert ihn. Er und seine Frau entfremden sich.
Jahre später reist seine Tochter Maria in das sowjetisch besetzte Budapest und wandelt auf seinen Spuren.

Meine Meinung:

Das Buch überzeugt auf allen Ebenen. Den überwiegenden Teil sieht man durch Loris Augen. Er ist ein feinsinniger Mensch, ein Musiker, gebildet, und weitgereist.

Mit ihm lernt man Budapest kennen, und die Sprache. Anfangs ist das ein bisschen viel, nicht alles wird übersetzt, und ich hatte (habe) keinerlei Vorstellung davon, wie die Worte ausgesprochen werden. Es passt aber zu der Geschichte, schließlich geht es Loris genauso.

Die Stadt, die Menschen, das Viertel, in dem Éva wohnt, der Handel, die gängigen Lebensmittel und Gerichte werden so schön beschrieben, dass man meint, dort zu sein, in der Markthalle einzukaufen, Mokka zu trinken, eingelegten Blumenkohl und scharfes pörkölt sowie Esterházytorte zu essen.

Überhaupt ist die Sprache des Buches wunderschön: streckenweise lyrisch, und durchweg sehr bildhaft. Man hat alles vor Augen, auch wenn man nie dort gewesen ist.

Dadurch erlebt man auch den Krieg hautnah. Loris leidet, er ist sich früh dessen bewusst, dass er und seine Kameraden nur Kanonenfutter sind. Zudem leidet er unter der Entfremdung von seiner Ehefrau, welche mit der Situation überhaupt nicht zurechtkommt. Sie ist gefühlskalt, was besonders die Tochter zu spüren bekommt, aber auch Loris, der sich Verständnis und Unterstützung erhofft hätte. Anfangs kämpft Loris noch ums Überleben, aber er verliert mehr und mehr den Mut, zumal er nicht weiß, wie es seiner Familie geht, und ob seine Tochter, sein Ein und Alles, überhaupt noch lebt.

In leisen Tönen wird geschildert, was der Krieg alles zerstört hat, und dass am Ende niemand so einfach zum normalen Leben zurückkehren konnte, denn die Seelen waren auch zerstört.

Für Ungarn hatte dieser Krieg Konsequenzen, die sehr viel länger anhielten. Ungarn war russisch besetzt und konnte nicht zu einem normalen, friedlichen Leben zurückkehren, sondern waren Bespitzelung, Verhaftungen, Hinrichtungen, rationierten Lebensmitteln etc für viele weitere Jahre ausgesetzt, ganz wie die DDR. Bei Befreiungsversuchen schickte Russland Panzer, und erschoss wahllos alles, was sich bewegte.

All dies und viel, viel mehr wird angesprochen in der Verflechtung deutsch-ungarischer Schicksale. Es ist kein Geschichtsbuch, dennoch lernt man eine Menge Geschichte, einfach durch die Beschreibung des Lebens der Protagonisten.

Es ist sicher keine leichte Lektüre, denn die Gefühle, die Freuden und Leiden sind sehr eindringlich und intensiv. Die oben erwähnte Sprache verstärkt die Eindrücke.

Dies ist ein wunderschönes Buch, nicht nur inhaltlich und sprachlich: der Umschlag ist sehr schön und aufwändig gestaltet (auch und besonders innen), was man bei dem Buchformat eher selten vorfindet.

Der Klappentext verrät nicht viel, war aber genug, um mich für das Buch zu interessieren, und ich fühle mich bereichert.

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